für alle statt für wenige

Weniger Pendlerverkehr: SP Bern Nord fordert mehr Verkehrsberuhigung im Nordquartier


Im September 2018

Die SP Bern-Nord fordert weniger Pendlerverkehr in Wohnquartieren

Fast 60 Prozent der Haushalte in der Stadt Bern verzichten laut Bundesamt für Statistik BFS auf ein Auto. Im Breitsch und in der Lorraine sind es gar noch mehr. Die SP Bern-Nord fordert, diese Quartiere für den Durchgangs- und Pendlerverkehr unattraktiv zu machen. Die Stadt soll im Nordquartier vorwärts machen mit der Verkehrsberuhigung. Weniger Verkehr heisst mehr Leben im Quartier. Motto: Mehr Platz für AnwohnerInnen statt für Autos.

Der Trend zum Haushalt ohne Auto ist ungebrochen. 2015 waren 57 Prozent aller Haushalte auf Stadtgebiet autofrei, ein Plus von vier Prozent in fünf Jahren. 2010 hatte das BFS erstmals über die Hälfte (53 %) der Stadtberner Haushalte als autofrei erfasst.

Breitsch-Lorraine:  Zweidrittel ohne Auto

Die SP Bern-Nord hat die Statistiken auf die Ebene Stadtteile heruntergebrochen: Breitenrain-Lorraine folgt mit 67 Prozent nur einen Prozentpunkt auf den Spitzenreiter Länggasse-Felsenau. Die SP hat zusätzlich 29 Strassen im Nordquartier angeschaut: In acht kommen 71 bis 84 Prozent ohne Auto aus. So sind es am stark befahrenen Viktoriarain 77 Prozent. Nicht nur besitzen die StadtbewohnerInnen weniger Autos, es fahren auch weniger Autos durch Bern. Zwischen 2014 und 2017 nahm der motorisierte Individualverkehr gemäss Verkehrsmessungen um fast 10 Prozent ab, wie «Der Bund» im April berichtet hatte.

Ärgernis Pendlerverkehr

Weniger Autobesitz hat Schattenseiten: Vermehrt vermieten Ex-Besitzer Park- und Einstellhallenplätze oder Garagen an Autopendler. Was dem Einen ein Zusatzeinkommen bedeutet, ist dem Anderen ein Ärgernis.

Die SP appelliert an die Besitzer, ihre Parkflächen für andere Nutzungen oder nur an Quartierbewohner zu vermieten. Die Stadt sollte mehr Parkplätze abbauen, damit weniger Pendler die Quartiere ansteuern. Pendler können schon am nächsten Bahnhof auf den ÖV umsteigen.

Mit- statt Gegeneinander

Die SP fordert auch Tempo 30 auf Hauptstrassen wie dem Nordring. Dies verlangsamt Durchfahrten, vermindert Lärm und Abgase, macht die Strassen sicherer und sollte für weniger Stau sorgen. Achsen durchs Quartier wie die Beundenfeld-, Militär-, Kasernen- und Breitenrainstrasse sollen durch Einbahnverkehr und Riegel beruhigt werden, ebenso die Viktoriastrasse und der Viktoriarain. Dies hält den Durchgangsverkehr fern. Die SP verlangt auch mehr Begegnungszonen für ein konfliktfreies Miteinander im Nordquartier.

Die Stadt Bern entmotorisiert sich

In der Stadt Bern besitzen immer weniger Haushalte ein Auto und es fahren auch immer weniger Autos durch die Stadt und dies, obwohl die Bevölkerung wächst. Das belegen verschiedene Statistiken. Eine Arbeitsgruppe der SP Bern-Nord befasst sich seit Jahren intensiv mit dem Thema Verkehrsentwicklung und Verkehrspolitik in der Stadt Bern. Eine ihrer Aufgaben ist die statistische Analyse. Die auf der Website veröffentlichten Statistiken und Grafiken stützen sich zum Teil auf den Mikrozensus Region Bern-Mittelland des Bundesamtes für Statistik für 2015 ab. Der Mikrozensus ist am 27. März 2018 erschienen. Ferner hat die Arbeitsgruppe die kantonale Statistik des Strassenverkehrsamtes, die auf den Postleitzahlkreisen beruht, berücksichtigt. Vom Strassenverkehrsamt sowie von den Statistikdiensten der Stadt Bern erhielt die SP Bern-Nord weitere Daten.

Grafik 1 - Anteil autoloser Haushalte Stadt BernGrafik 1 – Anteil autoloser Haushalte Stadt Bern

Der Mikrozensus, der alle fünf Jahr erhoben wird, liefert insbesondere Erkenntnisse über die Entwicklung der autofreien Haushalte (HH) in der Stadt Bern.

Resultat: Die Entmotorisierung zeigt sich sehr deutlich. Der Anteil der autofreien HH ist von 2005 bis 2015 von 44 % auf 57 % angewachsen. Die Entwicklung in den Stadtteilen unterscheidet sich stark: Während bei den Stadteilen IV (Kirchenfeld-Schosshalde) und VI (Bümpliz-Bethlehem) der Anteil der autofreien HH immer noch unter 50 Prozent liegt, erreichen die autofreien HH, etwa beim Stadtteil Länggasse-Felsenau oder Breitenrain-Lorraine für 2015 rund eine Zweidrittel-Mehrheit.

Die Berechnung für 2015 ist mit einem Vorbehalt behaftet: Der Mikrozensus lieferte die Zahlen für die Stadtteile für 2015 leider nicht mehr. Deshalb musste der gesamtstädtische Zuwachs von 53 % (2010) auf 57 % (2015) mit dem Faktor 57/53 für alle 6 Stadtteile einzeln hochgerechnet werden.

Grafik 2 - Anzahl Personenwagen Stadt BernGrafik 2 – Anzahl Personenwagen Stadt Bern

Die Ausgangslage: Seit 1989 stehen etwa alle fünf Jahre folgende Resultate aus den Befragungen des Mikrozensus zur Verfügung (in der Grafik 1 sind die Jahre 2005 bis 2015 aufgeführt):

Der Anteil der autofreien Haushalte (HH), vergleiche Grafik 1,

  • der Anteil von HH mit einem Personenwagen (PW),
  • mit zwei PW und
  • mit mehr als zwei PW.

Zur Berechnung der gesamten Anzahl PW gibt es nur eine Schwierigkeit: Wie viele PW gibt es im Durchschnitt bei „mehr als zwei“ PW? Die Arbeitsgruppe hat dort eine plausible Annahme getroffen: Im Durchschnitt 4 PW. Da nur ein Prozent der HH davon betroffen ist, kann ein Fehler bei dieser Annahme keine grossen Fehler beim Resultat bewirken.

Resultat: Die sinkenden Anzahlen der Privat-PW in der Stadt Bern entsprechen der steigenden Anzahl der autofreien HH.Grafik 2 (oben) wurde mit einer zusätzlichen Statistik (Grafik 3, unten) erweitert, um die die Anzahl PW auf mehrere Quellen abzustützen. Eine genaue Übereinstimmung ist dabei nicht zu erwarten, da der Mikrozensus auf Befragungen basiert und die zusätzliche Statistik auf Zählungen. Die in der Statistik der Stadt Bern enthaltenen Geschäftsautos sind hier kaum dabei. Die Entmotorisierung wird hier auch klar sichtbar: Von 47’500 PW im Jahr 2000 (100%) sank die Anzahl auf 34’200 PW (72%). Dies trotz ansteigender Bevölkerungszahl.

Grafik 3 - PW Bestand nach PostleitzahlGrafik 3 – PW Bestand nach Postleitzahl

Grundlage dieser Statistik sind die Personenwagen-Zahlen des kantonalen Strassenverkehrsamtes. Es zählt die Personenwagen (PW) nach Postleitzahlkreisen (PLZ-Kreisen). Die PLZ-Kreise der Stadt Bern erfassen ungefähr die gesamte Stadtbevölkerung. An den Rändern der Stadt gibt es dabei kleine Ungenauigkeiten. Für eine Betrachtung der Veränderungen über Jahrzehnte hinweg spielt dies aber kaum eine Rolle. Das statistische Jahrbuch der Stadt Bern legt seiner PW-Statistik dagegen die Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) zugrunde. Die SP Bern-Nord hält die Statistik nach Postleitzahlenkreisen des Kantons jedoch für präziser.

Begründung: In den Jahren 2001und 2005 hat das BFS die Erhebungsmethode für PW geändert. 2001 wurden die Fahrzeuge der Eidg. Verwaltung, der Post usw. neu beim kantonalen Strassenverkehrsamt registriert und somit mitgezählt. Dies führte zu einem „unechten“ Wachstum von mehreren Tausend PW. Diese Statistik ist deshalb für eine Langzeitbetrachtung (1991 bis 2017) ungeeignet.

Im Artikel „Streit um die Anzahl Autos in der Stadt Bern“ vom 14. November 2013 schildert „Der Bund“ die Problematik der verschiedenen Statistiken zur Anzahl PW in der Stadt Bern. Laut dem Leiter Statistikdienste der Stadt Bern, Thomas Holzer, ist es nicht falsch, auf die Statistik der PLZ-Kreise zu setzen.

In Grafik 3 sind nur die 14 Postleitzahlkreise enthalten, in welchen Leute wohnen. In anderen Postleitzahlkreisen wohnen kaum Leute, dafür „wohnen“ dort Geschäftsautos, etwa jene des Bundes oder der Swisscom. Diese hat die Arbeitsgruppe der SP Bern-Nord nicht mitgezählt. Die hier gezeigte PW-Statistik enthält damit im Wesentlichen Privatautos der Stadt Bern, ausschliesslich mit BE-Nummern.

Ein weiterer Vorteil der Statistik nach PLZ-Kreisen ist, dass man einen besseren Einblick in lokale Entwicklungen, sogar in Teilgebiete innerhalb der Stadtteile, erhält. Beispiel: Die Bewohnerschaft des Stadtteils V setzt sich in etwa zusammen aus der PLZ-Kreisen 3013 und 3014.

Resultat: Trotz eines positiven Bevölkerungssaldos bei der Bevölkerungszahl seit 1991, ist die Anzahl der PW in der Stadt Bern im Vergleich zum Stichjahr 1991 (100 %) auf ca. 89 Prozent gesunken. Dabei gibt es in den verschiedenen PLZ-Kreisen markante Unterschiede: Der Kreis 3007 (Mattenhof) stellt sich dabei an die Spitze der Entmotorisierung (74 %), gefolgt vom PLZ-Kreis 3012 (Länggasse) mit 80 %. Dagegen gibt es auch umgekehrte Entwicklungen, in Richtung verstärkter Motorisierung: Der „ländliche“ PLZ-Kreis 3019 (Oberbottigen) liegt bei 160%.

Grafik 4 - Zeitlicher Verlauf Anzahl PWGrafik 4 – Zeitlicher Verlauf Anzahl PW

Die „blaue Kurve“ war in Tabellenform bereits in Grafik 3 enthalten. Sie zeigt die Entwicklung der Anzahl Privat-Personenwagen (Privat-PW) der Stadt Bern seit 1991.

Die rote Kurve zeigt die Entwicklung der Motorisierung in der Stadt Bern seit 1991.

Wenn man die Motorisierung der Stadtbevölkerung (Anzahl PW pro 1000 Einwohner) erfassen will, braucht man die Entwicklung der Stadtbevölkerung. Leider wurde ab dem Jahr 2011 die Zählweise geändert. Damals kamen schätzungsweise ca. 2000 zusätzliche EinwohnerInnen, wie WochenaufenthalterInnen, die vorher nicht zur Bevölkerung gezählt wurden, „künstlich“ dazu. Das heisst, dass die Abnahme der Motorisierung etwas schwächer ist, als dargestellt. Der Unterschied liegt bei knapp 2 %. Das heisst, dass bei Berücksichtigung dieser Korrektur die Motorisierung nicht auf 83 % abgenommen hat, sondern auf ca. 85 %.

Resultat: Die Motorisierung ist von 1991 (100%) bis 2017 auf ca. 85 % (vgl. oben) gefallen. Der Rückgang war dabei nicht gleichmässig. Er wurde von zwischenzeitlichen kleineren Anstiegen unterbrochen. Per Saldo ist der Rückgang jedoch eindeutig: In der Stadt Bern ist ein starke Entmotorisierung zu beobachten.

Grafik 5 – Entmotorisierung in der Stadt BernGrafik 5 – Entmotorisierung in der Stadt Bern

Die drei Kurven und die Balken zeigen noch einmal dasselbe wie in den Grafiken 1 und 4, allerdings in einer anderen Darstellung und zusätzlich mit der Einwohnerzahl. Die Anzahl EinwohnerInnen hat zuerst abgenommen, ist aber dann, im Vergleich zu 1991, auf einen höheren Wert angestiegen. Deshalb hat die Motorisierung insgesamt stärker abgenommen als die Anzahl Privat-Personenwagen. Zusätzlich ist mit den Säulen die Entwicklung der autofreien Haushalte (HH) seit 1989 dargestellt (vgl. dazu auch Grafik 1). Die Anzahl autofreier HH (gelbe Balken) wächst bei sinkender Motorisierung (rote Kurve).

Grafik 6 - Autofreie HH pro StrasseGrafik 6 – Autofreie HH pro Strasse

Die Arbeitsgruppe Verkehr der SP Bern Nord hat sich beim kant. Strassenverkehrsamt und beim Statistikdienst der Stadt Bern Informationen von 29 ausgewählten Strassen aus dem Gebiet Breitenrain/Lorraine beschafft. Ziel war, genauere Angaben zu den autofreien Haushalten im Stadtteil V (Breitenrain/Lorraine) zu erhalten: Von jeder der 29 Strassen gab es je drei Zahlen: Anzahl Personenwagen (PW), Anzahl EinwohnerInnen (EW) und Anzahl Haushalte (HH).

Am einfachsten war die Rangliste nach der Motorisierung der EinwohnerInnen der Strasse: Anzahl PW pro 1000 EW. Die Rangliste links (grün) reicht von 113 PW (Steckweg) bis 547 PW pro 1000 EinwohnerInnen (Meisenweg). Wie zu erwarten war, liegt die durchschnittliche Motorisierung dieser 29 Strassen mit 234 PW pro 1000 EW deutlich unter derjenigen der ganzen Stadt (298 PW pro 1000 EW). Letztere Zahl stammt aus Grafik 4 für 2017.

Weniger einfach war es, aus den zur Verfügung bestehenden Zahlen den Anteil autofreier HH zu ermitteln.

Die Arbeitsgruppe benutzte dazu insbesondere den Mikrozensus 2015. Der Anteil der autofreien HH lag bei 57 %. Das heisst, 43% der HH hatten ein oder mehrere Autos. Andererseits war der Quotient aus der Anzahl PW (ermittelt gemäss Grafik 2) und der Anzahl HH (aus dem Jahrbuch der Stadt Bern, auch Grafik 2) der Folgende: 34200/64580 = 0.53 oder 53 PW auf 100 HH. Um von 53 % auf 43 % (oben) zu kommen, muss man 53 % mit 0.81 multiplizieren. Der Unterschied der beiden Zahlen kommt daher, dass bei den HH mit Auto etliche dabei sind, die über mehr als ein Auto verfügen.

So ergab sich die Rangliste der autofreien HH ganz rechts in Grafik 6 (blau). Sie entspricht grob der Rangliste der Motorisierung, aber nicht genau.

Das Spektrum reicht von ca. 81 % autofreien HH (Steckweg) bis zu ca. 14% (Meisenweg). In einer ganzen Reihe von Strassen gibt es zwischen 69 % und 77 % autofreie HH, was deutlich über dem vom Mikrozensus 2015 für die ganze Stadt ermittelten Wert von 57 % liegt.

Vorbehalt: Es gibt bei dieser Darstellung etliche Strassen, die weniger als ca. 100 Haushalte umfassen. Dort ist ein Ansatz mit einem aus der ganzen Stadt ermittelten Faktor 0.81 aus statistischen Gründen zweifelhaft. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass sich bei den Ausreissern gegen oben und gegen unten mehrheitlich solche Strassen befinden.

Weiterführende Berichterstattungen in den Medien

  1. In der „Berner Zeitung“ vom 28. März 2018 erschien unter dem Titel „Immer mehr Berner Haushalte verzichten aufs Auto“ eine Auswertung des Mikrozensus Region Bern-Mittelland 2015, welcher am Vortag veröffentlicht worden war. Der Fokus lag eher bei der Region, wo ebenfalls eine Entmotorisierung festgestellt wurde. Die zeitliche Entwicklung beschränkte sich auf den Zeitraum 2010 bis 2015.
  2. Im „Der Bund“ vom 26. April 2018 erschien ein Artikel mit dem Titel „Rekordtiefer Wert bei Autoprüfungen“. Darin ist eine wichtige Zusatzinformation zu den Statistiken in den Grafiken 1 bis 6 enthalten: Nicht nur die Anzahl Personenwagen ist in der Stadt Bern gesunken, sondern auch die Fahrleistung des motorisierten Individualverkehrs, nämlich um knapp 10 % zwischen 2014 und 2017.
  3. Im „Der Bund“ vom 14. November 2013 erschien ein Artikel mit dem Titel „Streit um die Anzahl Autos in der Stadt Bern“. Bei Grafik 3 erwähnt.